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Neuland

Die >Kolonie wurde 1947 von mennonitischen >Flüchtlingen aus der Sowjetunion im paraguayischen >Chaco gegründet. Fast die Hälfte der Familien hatte keinen erwachsenen Mann für die schwere Arbeit, da die Väter und älteren Söhne entweder während der Zeit Stalins, besonders in den Jahren 1937/38, deportiert worden oder im Krieg verschollen waren. Es war daher von unschätzbarem Wert, dass das >MCC und die Nachbarkolonien >Menno und >Fernheim den Einwanderern im ersten Jahr bei der Ansiedlung besonders halfen.
Die Neuländer kamen mit den Schiffen >Volendam, >Heintzelmann und >Charlton Monarch. Bis 1948 kamen 2.256 Personen, die sich auf dem Siedlungsland der zu gründenden Kolonie ansässig machten. Das MCC hatte damals südlich von der Kolonie Fernheim einen Landkomplex von ca. 75.000 ha erworben. Heute besitzt Neuland über 200.000 ha, obwohl die Bevölkerung nur noch aus 1.800 Personen besteht. Bei der Ansiedlung bekam eine Familie 12 ha Land, eine Witwe oft nur 6 ha Land zugewiesen. Später erweiterte man die Vollwirtschaft zunächst auf 150 ha, dann auf 300 ha, ehe das Land in Koloniebesitz an Großgrundbesitzer innerhalb der Kolonie verteilt wurde.
Anfänglich war geplant, dass Neuland zur Kolonie Fernheim gehören sollte, dann aber wurden sehr bald sowohl die Verwaltung als auch die Kooperative von Fernheim unabhängig. Inzwischen sind sowohl die Cooperativa Neuland als auch die Asociación Civil Neuland staatlich anerkannt.
Da die >Mennonitenkolonien auf Grund des >Gesetzes 514 relative Unabhängigkeit in Bezug auf Verwaltung und wirtschaftliche Entwicklung haben, sind sie auch für die verschiedenen Abteilungen der Koloniezweige selbst verantwortlich. Dazu gehören: >Wegebau und Telefonnetz, >Industriewerk, Krankenhaus und >Krankenversicherung, Schulwesen, Sozialamt und Ordnungsamt (>Ordnungsmänner).
Die ersten 25 Jahre waren wirtschaftlich sehr schwer. Mangelnde Infrastruktur, Trockenheit, Heuschrecken- und Ameisenplage sowie zahlreiche Missernten trugen dazu bei, dass ab den fünfziger Jahren sehr viele Neuländer auswanderten. Wer konnte, ging nach Kanada, und wer dort nicht angenommen wurde, ging nach Deutschland. Zeitweilig sank die Zahl der Neuländer auf unter 1.000 (>Auswanderung). Die wirtschaftliche Entwicklung stagnierte und die Zurückbleibenden wurden oft mutlos. Doch Peter >Derksen, der durch mehrfache Wiederwahl 25 Jahre im Amt blieb, gab den Mut nie auf, und heute können wir sagen, dass seine Zukunftsvision keineswegs unbegründet war.
Kreditmöglichkeiten ab den siebziger Jahren ermöglichten eine rasche Mechanisierung der Landwirtschaft. Das Roden des Buschbestandes mit Hilfe von Bulldozern und das Anpflanzen von neuen Futtergräsern brachte die Milch- und Viehwirtschaft in Schwung. Die großflächigen Anpflanzungen von Erdnüssen und Sesam und das maschinelle Abernten erleichterte die Arbeit in der Landwirtschaft.
Die wirtschaftliche Entwicklung setzt sich in den letzten Jahren beschleunigt fort. Durch die internationale Vermarktung der Produkte konnten höhere Gewinne erzielt werden. Auf der anderen Seite bedingte der internationale Markt auch die Qualitätsverbesserung der Erzeugnisse. Eigene Schlachthäuser und große >Milchverarbeitungsanlagen haben heutzutage teilweise Modellcharakter für die paraguayische Wirtschaftsentwicklung.
Neben der Wirtschaftsentwicklung ist auch der Fortschritt auf kulturellem und sozialem Gebiet nicht zu übersehen. So gibt es in Neuland moderne Schulhäuser und ein gut ausgestattetes Krankenhaus. Eine Krankenversicherung sorgt dafür, dass die Kosten im Krankheitsfall nicht über das erträgliche Maß hinaus steigen. Trotz dieser Fortschritte ist nicht zu übersehen, dass der kulturelle und soziale Sektor mit der wirtschaftlichen Entwicklung nicht Schritt hält.
Wohlstand und Konsum, die ein weltweites Problem darstellen, haben mittlerweile auch die Mennonitenkolonien in Paraguay erreicht. Es häufen sich die Fälle, in denen Familien über ihre finanziellen Möglichkeiten leben und Kreditnehmer das Augenmaß verlieren und nicht mehr in der Lage sind, aus eigener Kraft den Schuldenberg abzutragen. Hier ist dringend Beratung und Erwachsenenbildung angesagt.
Arbeit und Freizeit, die in der Anfangszeit kein Problem darstellten, bieten heute neue Möglichkeiten, die aber nicht automatisch sinnvoll genutzt werden. Hier ist eine verantwortungsvolle Aufklärung dringend erforderlich.
Bei einer solchen rasanten Entwicklung bleibt es nicht aus, dass auch die Problemfelder wachsen. So öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich nicht nur innerhalb der Kolonie, sondern zeigt sich vor allem auch im Vergleich zwischen der Neuländer Bevölkerung und der sie umgebenden Indianer und Lateinparaguayer. Daher stellt das >interethnische Zusammenleben im Bereich der Mennonitenkolonien eine besonders große Herausforderung dar. Es geht nicht an, dass die Mennoniten wirtschaftlich vorankommen, die Indianer und Lateinparaguayer aber aus verschiedenen Gründen nicht mithalten können. Trotz mancher Sozialprogramme, die den anderen Ethnien in dieser Region zu Gute kommen (>Nachbarschaftshilfe), müssen noch große Anstrengungen unternommen werden, damit die Indianer und Lateinparaguayer auf wirtschaftlichem, kulturellem und sozialem Gebiet eine faire Chance bekommen. Da wird eine verstärkte Zusammenarbeit aller Beteilig-ten gefordert sein: Indianer, Lateinparaguayer, Mennoniten, Departamentsverwaltung und die Staatsregierung. Ein friedliches Zusammenleben in dieser Region ist nur möglich, wenn alle Ethnien an der Gesamtentwicklung partizipieren können.
Jakob Warkentin
Walter Regehr (Hg.): 25 Jahre Kolonie Neuland, Chaco Paraguay. Karlsruhe, 1972; Jakob Warkentin u. a. (Hg.): 50 Jahre Kolonie Neuland, Chaco Paraguay. Asunción, 1997.

   
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