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Picanerai, Vejai

Vejai gilt in der neuzeitlichen Chacogeschichte als einer der großen Häuptlinge der >Ayoreos. Er stammt aus der Lokalgruppe der Ijnapuigosode, die nördlich und südlich der Salzlagunen an der paraguayisch-bolivianischen Grenze ihr Wohngebiet hatte. Sein Einfluss reichte aber über sein Stammesgebiet hinaus und vereinigte eine ganze Reihe von Lokalgruppen, die die Territorialgruppe der Guidaigosode (Dörfer-Leute) bildeten. Während in den 1940er und 1950er Jahren die weiter nördlich wohnenden Jnupedogosode schon einen Kontakt mit den Weißen wagten, weigerten sich die Guidaigosode unter ihrem Oberhäuptling Vejai noch gegen jede Annäherung.
Doch dann folgten in rascher Folge einige Ereignisse, die den Widerstand von Vejais Leuten lockerten. 1958 drang von Süden her eine Ölkompanie in ihr Gebiet ein und es kam zu einigen sporadischen Kontakten - einige friedlich, andere kriegerisch -, die aber unter den Kriegern Vejais eine verheerende Grippeepidemie auslösten. Vejai verzog sich nun in das traditionelle Gebiet seiner “Dörfer” nördlich der Salzlagunen. 1960 kam es dort zu einem vorübergehenden Kontakt mit einem Missionar der South America Indian Mission, der auch mit einer Flucht vor der Epidemie endete. Von dieser Begegnung, die nur ein paar Monate dauerte, stammen die ersten biografischen Daten über Vejai.
Teile der Guidai-Gruppe machten drei Jahre später einen erneuten Versuch, Kontakt mit den Weißen aufzunehmen und wurden 1963 von dem katholischen Salesianer-Orden in einem Missionsprogramm erfasst, zu dem sich auch Gruppen der östlich lebenden Garaigosode gesellten. 1965 stellte auch Vejai mit seiner Lokalgruppe beim Cerro León eine permanente Beziehung zu der Neustämmemission her. Die Gruppe siedelte 1968 nach Faro Moro über und wohnt heute in mehreren Dörfern wie Campo Loro, Ebetogué und Tunucojai.
Vejai wurde von seinen Leuten Ayorepisi (Stammesheld) genannt, weil er die kulturellen Tugenden dieses Volkes verkörperte wie Kampfesmut, Gerechtigkeit, Großzügigkeit, Besonnenheit und Entschlossenheit. Seinen großen Einfluss verdankte er besonders seinen kriegerischen Erfolgen, die für Jahrzehnte gegen die neoamerikanischen Eindringlinge gerichtet waren, aber auch ständig gegen benachbarte Ayoreos anderer Territorialgruppen geführt wurden. Noch auf der Missionsstation auf Faro Moro organisierte er 1969, den Missionaren verborgen, Kriegszüge gegen westlich von ihnen lebende Lokalgruppen der Totobiegosode.
Eine zweite soziale Rolle mit großem Einfluss übte Vejai als Schamane aus. Als “Weiser” verfügte er über das nötige Wissen, die Tabus und magischen Formeln, die von den mythologischen Stammesahnen hinterlassen wurden, um sie zur Lösung vieler Probleme seiner Mitmenschen anzuwenden. So praktizierte er, mit Federschmuck, Tabakspfeife, Saugrohr und Ritualrassel ausgerüstet, Heilungsrituale für Kranke oder “besprach” mit ausgewählten Saode (Zauberformeln) den verstauchten Fuß, den schmerzenden Backenzahn oder auch die mit Plagen befallene Pflanzung.
Als Oberhäuptling fiel Vejai das Recht zu, vier Ehefrauen zu haben. Mehrere seiner Söhne folgten den Spuren ihres Vaters und wurden zu tapferen Häuptlingen; so war es zum Beispiel sein ältester Sohn Jonoine, der noch 1958 den Speer gegen den mennonitischen Missionar Kornelius >Isaak warf, und viel später war es sein jüngster Sohn, Pajey, der bei einem missionarischen Einsatz unter den Totobiegosode 1986 ums Leben kam. Ein anderer Sohn, Basui, ging zur Schule und übernahm eine bedeutende Führungsrolle im Prozess der Anpassung an die neuen Lebensbedingungen im zentralen >Chaco Paraguays. Vejai selbst starb nach erfülltem Leben auf El Faro Moro im Jahre 1976. (>Ayoreos, >Interethnisches Zusammenleben, >Indianerkulturen)
Wilmar Stahl

   
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