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Prediger

Die meisten Führungskräfte der anabaptistischen Bewegung des 16. Jahrhunderts waren theologisch gebildete Persönlichkeiten. Mit einem tiefen Bibelverständnis predigten und unterwiesen sie die Gläubigen dieser aufstrebenden Bewegung. Durch Verfolgung und Vertreibung wurden die Täufer oft ihrer Leiter beraubt. Nach und nach kam es dann in den zerstreuten Gemeinden dazu, dass aus den eigenen Reihen Personen, die einen guten Ruf hatten und einen überzeugenden christlichen Lebenswandel führten, als Prediger und Lehrer ausersehen wurden.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich in den mennonitischen Gemeinden eine dreigliedrige Ämterstruktur, bestehend aus >Ältesten, >Predigern und Diakonen. Diese Gliederung ohne weitere übergeordnete Gemeindestruktur brachten die Mennoniten mit nach >Paraguay. Durch diese Struktur begünstigt, hatten im Laufe der Zeit manche Ältesten und Prediger ihr Amt zu einer einflussreichen Machtposition ausbauen können. Der Prediger war die Bezugsperson für alle Belange des Lebens. In den mennonitischen Siedlungen war der Prediger im Dorf die letzte Autorität über geistliche und ethische Belange. Als Ältester hatte er gelegentlich solchen Einfluss, dass ganze Siedlungen auf sein Wort hin aufbrachen und in andere Länder auswanderten, wo man dann wieder frei seines Glaubens leben konnte. Diese Zeit scheint vorbei zu sein.
Die fast absolute Führung und Bestimmung durch einen Ältesten, der allein das Recht hatte, Abendmahl auszuteilen, zu taufen und Prediger einzusetzen, wurde in Paraguay nach und nach zugunsten eines Predigerrates aufgelockert. Die starke Persönlichkeit eines Predigers wurde mehr und mehr ausschlaggebend.
Die Prediger, die größtenteils Laienprediger waren, d. h. nicht spezifisch für die Aufgabe als Prediger theologisch ausgebildet, aber Glaubenstreue und eine gewisse Rednergabe mitbrachten und die sich im Laufe der Zeit als Autodidakten Wissen und Erfahrung erworben hatten, waren oft auch federführend in den Entscheidungsprozessen der zivilen und kommunalen Verwaltung. Es bestand kein Widerspruch zwischen dem Predigeramt und der gleichzeitigen Beteiligung an den rein bürgerlichen Belangen der Siedlungsgemeinschaft, zumal ja der Prediger meistens auch Bauer oder Lehrer war. So war es nichts Ungewöhnliches, wenn der Prediger mitbestimmend war, wenn es um die kulturellen, wirtschaftlichen und geistlichen Belange ging.
Bald war nicht nur der Älteste, sondern auch der Prediger verantwortlich für Trauung, Taufe, Abendmahl, Gottesdienste, Gemeindefeste, Hausbesuche, Gemeindedisziplin, Überwachung der Kinder- und Jugendarbeit. Der Prediger bestimmte die Maßstäbe für Sitten und Gebräuche in der Gesellschaft. In der Erarbeitung der Stoffpläne und Lerninhalte für die Schulen redete er mit. Der Prediger machte u. a. auch Schulbesuche.
Der Prediger fuhr zu Konferenzen, Bibelbesprechungen und Missionstagungen. Mit großer Besorgnis wachte er über die rechte Lehre und warnte vor falscher Auslegung des Wortes Gottes. Theologische Streitfragen und Abweichungen von den oft ungeschriebenen Geboten und Vorschriften, die das öffentliche Leben regulierten, wurden auf Bibelbesprechungen und Konferenzen behandelt. Seine Arbeit war grundsätzlich ehrenamtlich. Heute hat sich das zumindest hinsichtlich des Gemeindeleiters als leitenden Predigers geändert, der in der Regel voll entlohnt wird. Viele der Prediger haben heute auch eine akademische theologische Ausbildung.
Walter Thielmann

   
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