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Schulreform

Reform kommt vom lateinischen Wort reformare. Dies bedeutet so viel wie umgestalten. Das Ziel einer Reform ist also laut Definition eine Verbesserung und eine planmäßige Umgestaltung.
Vom geschichtlichen Standpunkt ist das Streben nach einer Erziehungsreform in >Paraguay durchaus verständlich und nachvollziehbar. Gleich nach der Unabhängigkeit 1811 zu Dr. Francias Regierungszeiten wurde nur die Grundschulausbildung gefördert. Alle Bewohner Paraguays sollten lesen und schreiben können. Höhere Ausbildung wurde von der Regierung bewusst unterdrückt, um nicht führende Kräfte heranzubilden. Die darauf folgende Präsidentschaft von Carlos A. López brachte im Erziehungsbereich eine große Wende. Von diesem Zeitpunkt an wurde die schulische Erziehung unterstützt und gefördert. Im 20. Jahrhundert gab es immer wieder neue Bildungsreformen mit dem Ziel, die Erziehung der Landesbevölkerung zu verbessern.
Im Jahr 1924 gab es die erste größere Reform in Paraguay. Das Ziel dabei war, die schulische Bildung vom Enzyklopädismus zu befreien und mehr auf das praktische Leben hin auszurichten. Die beiden großen Verfechter dieser Reform waren Ramón Indalecio Cardozo und María Felicidad González. Schule sollte, so Cardozo, eine große Werkstatt sein, in der die Schüler sich auf das Leben vorbereiten.
Nachdem des Erziehungsministerium als eigenständiges Ministerium eingerichtet worden war, wurde Ende der fünfziger Jahre erneut mit einer Schulreform begonnen. Wieder war das Ziel, dass der Unterricht nicht nur mechanisch, sondern auch kreativ sein und auf das Leben vorbereiten sollte. Besonderes Gewicht wurde im Rahmen dieser Reform auch auf die Lehrerausbildung gelegt.
In den 1970er Jahren setzte man eine weitere Reform durch, die zusätzlich zu der Überarbeitung des Curriculums besonders auch den Patriotismus fördern sollte.
Nach dem Regierungssturz 1989 hielt man es für notwendig, das ganze Erziehungssystem in Paraguay zu überarbeiten. Resultat dieser Reform war die Herstellung neuer Lehr- und Unterrichtsbücher und didaktischer Materialien.
Auch nach der Jahrtausendwende gibt es immer wieder Änderungen im Schulsystem, die zur Verbesserung des Erziehungsniveaus beitragen sollen. Schüler und Lehrer sehen sich in einer ständigen Umgestaltung, d. h. sie werden immer wieder mit Neuerungen im Erziehungs- und besonders auch im Bewertungssystem überrascht.
Das Ziel des Erziehungsministeriums mit den ständig neu auftretenden Reformen ist Folgendes: Die Schüler zum Denken sowie auch zur praktischen Ausführung der Lösungsvorschläge zu motivieren, jedoch ohne dabei die Förderung des relativen und abstrakten Denkens zu vernachlässigen.
Wichtige Personen in der letzten Erziehungsreform sind u. a.: Jesús Montero Tirado, Dr. Ramírez Dominguez, Dr. Vicente Sarubbi, Blanca Ovelar de Duarte.
Ein Problem, weshalb die Reformen nicht effektiv zu Ende geführt werden können, ist wohl die begrenzte Zahl der Fachleute, die sich mit der Erziehungsreform auskennen. Bei vielen der Verantwortlichen in der Erziehung beobachtet man infolgedessen auch eine große Unsicherheit, Unwissenheit und Interesselosigkeit. Dazu kommen in der Regel noch große finanzielle Schwierigkeiten, die das Ausführen der Reformen oft nicht erlauben. Außerdem sind viele Prinzipien und Ziele der Reformen, da sie größtenteils von anderen Ländern “importiert” wurden, oft zu abstrakt und zu weit von der Realität des Landes entfernt.
Anfänglich waren die mennonitischen Schulen in Paraguay private Schulen ohne staatliche Anerkennung. Ihre Rechtsgrundlage beruhte auf dem >Gesetz 514, das ihnen volle Freiheit bezüglich der Lehrinhalte und der Schulsprache zugestand. Ab den sechziger Jahren begann man mit der schrittweisen Anerkennung der >Zentralschulen, des >Lehrerseminars und schließlich in den neunziger Jahren auch der Primarschulen.
Die staatliche Anerkennung der Schulen brachte es mit sich, dass auch die Lehrinhalte sich immer mehr dem offiziellen Lehrprogramm anpassen mussten. Auch die Schulsprache, die anfänglich nur Deutsch gewesen war, wurde sukzessive durch den spanischen Anteil des Unterrichts verändert. Der Schulunterricht beginnt nach wie vor in der ersten Klasse in Deutsch, wird aber ab der zweiten Klasse durch die spanische Sprache ergänzt, die dann in den Oberklassen der Sekundarschule den weitaus größten Teil der Unterrichtssprache ausmacht.
Mit der Übernahme des spanischsprachigen Lehrmaterials nimmt auch das deduktive Lehrverfahren immer mehr zu, was aber durch den Einsatz des deutschen Lehrmaterials, das weitgehend induktiv verfährt, etwas abgemildert wird. Sowohl organisatorisch als auch inhaltlich haben die Schulreformen auf Landesebene das mennonitische Schulwesen in den letzten Jahren stark beeinflusst. Die Praxis zeigt jedoch, dass die Lehrer, wenn sie den offiziellen Rahmen beachten, inhaltlich nach wie vor großen Spielraum haben.
Beate Penner/Jakob Warkentin
Hans Theodor Regier: Aktuelle Erziehungsreform in Paraguay. Hg. Asociación de Colonias Mennonitas del Paraguay. Asunción, 1998; Jakob Warkentin: Die deutschsprachigen Siedlerschulen in Paraguay im Spannungsfeld staatlicher Kultur- und Entwicklungspolitik. Münster u. a.: Waxmann Verlag, 1998.

   
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